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BLICKWINKEL

Td Ap Bk 7

Ein Gespräch mit Dr. Bela Kelety, Unit Head New Business 
Development der BRAIN AG (m.), sowie Dr. Alexander Pelzer, 
Project Manager und Platform Coordinator Tailor-made 
Biocatalysts (r.)

BRAIN: Worin besteht die spezielle Herausforderung bei der Behandlung offener Wunden?

Bela Kelety: Die Haut schützt uns wie eine Barriere vor Krankheitserregern. Ist diese Barriere zerstört, entsteht zusätzlich zur Aufgabe der Wundheilung die Gefahr von Verschmutzungen und Infektionen. Offene Wunden müssen daher regelmäßig gesäubert werden. Um neues Gewebe wachsen zu lassen, muss auch immer wieder abgestorbenes Gewebe entfernt werden. Man nennt diesen Eingriff Débridement. Dies kann unter Betäubung oder Narkose chirurgisch oder durch autolytisches Débridement erfolgen. Eine dritte Option ist die Madentherapie, bei der sich Fliegenmaden von dem toten Gewebe ernähren. Welches Débridement-Verfahren geeignet ist, hängt von der Art und Größe der Wunde ab.

BRAIN: Was war Ausgangspunkt Ihrer Forschung für das Aurase®-Enzym?

Alexander Pelzer: Es ist bekannt, dass im Rahmen von Therapien mit Goldfliegenmaden eine Reihe von Enzymen ihre Wirkungen entfalten. Enzyme sind Proteine, die als Biokatalysatoren biochemische Reaktionen schneller ablaufen lassen. Die belebte Natur bietet eine reiche Sammlung dieser lebensnotwendigen Biomoleküle.

BRAIN: Wie wirken die Enzyme bei einer Maden­therapie?

Alexander Pelzer: Maden nutzen den Wundbelag als Nährstoffquelle und geben Enzyme ab, die unter anderem das Protein Fibrin degradieren – das ist ein Hauptbestandteil des Wundbelags, der die Wundheilung erschwert. Vor unseren Arbeiten war unbekannt, welches Enzym eine Schlüsselrolle in diesem biologischen Prozess spielt. Wir wussten, dass Madentherapien für viele Patienten sehr unangenehm sind. Das hat uns angespornt, diesen Prozess zu entschlüsseln.

BRAIN: Welche Schritte waren bei der Erforschung wesentlich?

Alexander Pelzer: Im Ergebnis haben wir eine schonende biologische Wundbehandlungsoption entwickelt, die Natur und Biotechnologie in sich vereint. Zunächst ist es uns gelungen, das Enzym der Made zu identifizieren, das Fibrin auflöst, ohne dabei gesundes Gewebe anzugreifen. Wir haben dieses Enzym, das wir später Aurase® getauft haben, charakterisiert und dann ein biotechnologisches Verfahren entwickelt, um es in großen Mengen und hoher Reinheit herstellen zu können. Diese Produktion leistet der Mikroorganismus Pichia pastoris. Das ist ein sicheres biotechnologisches Expressionssystem, das vielfältig genutzt wird.

BRAIN: Wie wurde entdeckt, dass Goldfliegenmaden medizinisch wirksam sind?

Bela Kelety: Seit dem Mittelalter ist bekannt, dass offene Wunden, die von Maden befallen werden, häufig verbesserte Heilungsverläufe zeigen. Manche sagen sogar, schon die Maya als Ureinwohner Amerikas und die Aborigines in Australien hätten Maden für die Wundversorgung genutzt. In den 1920er Jahren gab es erste wissenschaftliche Ansätze. Durch die Entwicklung der Antibiotika gerieten diese in Vergessenheit und gewannen erst in den 1990er Jahren wieder an Popularität. Darauf basieren gegenwärtige Anwendungen in Kliniken, bei denen speziell gezüchtete sterile Maden eingesetzt werden.

BRAIN: Welche Vorteile bietet das Aurase®-Enzym gegenüber anderen enzymatischen Wirkstoffen?

Alexander Pelzer: Bei der von der BRAIN entwickelten Aurase® handelt es sich um ein Enzym aus der Familie der Serinproteasen, die Proteine oder Peptide spalten können. Die Aurase® wirkt dabei sehr spezifisch gegen das Protein Fibrin. Das ist bei anderen Enzymen nicht unbedingt der Fall. Es gibt Wundbehandlungsenzyme, die aus Ananaspflanzen oder Krankheitserregern gewonnen werden. Solche Enzyme wirken unspezifisch und degradieren nicht nur Fibrin, sondern schädigen potenziell auch gesundes Gewebe. Sie werden deshalb in niedrigen Konzentrationen oder in kurzen Zeitspannen aufgebracht. Das erhöht den Pflegeaufwand und/oder verlängert den Reinigungsprozess.

BRAIN: Welche positive Effekte versprechen Sie sich von Aurase®-Produkten?

Bela Kelety: Im Mittelpunkt unseres Interesses stehen Wundpatienten, denen wir eine gut verträgliche, wirksame Alternative für zum Teil sehr schmerzhafte und unangenehme Behandlungsformen anbieten möchten. Das chirurgische Débridement wie auch die Madentherapie sind wirksame, aber gleichzeitig auch aufwändige und damit kostenintensive Behandlungsformen. Man benötigt eine spezialisierte Infrastruktur und detaillierte Fachkenntnisse. Mit Aurase®-Produkten möchten wir die Ausbildungsnotwenigkeit für Pflegekräfte und den Heilungsaufwand insgesamt reduzieren. Aurase®-Anwendungen werden leicht zu handhaben sein und sich problemlos in bestehende Abläufe der Wundversorgung in Krankenhaus, Pflegeheim oder häusliche Pflege integrieren lassen.

BRAIN: Wie muss man sich Aurase®-Produkte am Ende vorstellen?

Alexander Pelzer: Theoretisch sind verschiedene Darreichungsformen denkbar. Als günstige und in vorklinischen Tests gut wirksame und verträgliche Variante für Wundauflagen hat sich ein Wundgel mit dem Wirkstoff Aurase® herausgestellt.

BRAIN: Muss man zukünftig damit rechnen, dass sich die BRAIN auch der pharmazeutischen Biotechnologie widmet?

Bela Kelety: Unser Fokus ist und bleibt die industrielle Biotechnologie. In diesem Kontext konzentrieren wir uns auf die Entwicklung neuer Enzyme, natürlicher Wirkstoffe und Hochleistungs-Mikroorganismen. Unsere Kompetenzen in diesen drei Themenfeldern ermöglichen uns aber die Adressierung unterschiedlichster Aufgabenfelder. Bei der Aurase® geht es um Medizinprodukte – zugegebenermaßen ein für BRAIN ungewöhnliches Marktsegment. Als wir aber erkannt haben, welche Vorteile sich für Patienten und Pflegende mit unserem Know-how erschließen lassen, konnten wir uns dem nicht entziehen. Außerdem zeigen sich attraktive Marktchancen.

BRAIN: Welche nächsten Schritte zur Realisierung von Aurase®-Produkten stehen bevor?

Bela Kelety: Zum einen sind wir dabei, das biotechnologische Produktionssystem für das Aurase®-Enzym hinsichtlich der Ausbeute weiter zu optimieren. Parallel dazu kümmern wir uns um die Erweiterung des Patentschutzes. Außerdem sind wir mit Experten in Kontakt, um für erste Aurase®-Produkte klinische Studien vorzubereiten und Marktzulassungen zu erhalten.

BRAIN: Mit welchem Geschäftsmodell und wann wollen Sie Aurase®-Produkte auf den Markt bringen?

Bela Kelety: Wir werden die Entwicklung bis zur Erlaubnis des Inverkehrbringens weiter vorantreiben und die Produkte auch am Markt verfügbar machen. Wir wollen zeigen, dass Aurase®-Produkte unter den realen Bedingungen in der Pflege funktionieren und für Patienten, Pflegepersonal und Ärzte klare Vorteile bieten. Wir rechnen mit ersten Umsätzen in wenigen Jahren und prüfen derzeit verschiedene Optionen für Modelle zum Ausbau des Geschäfts in der Zukunft. Das jährliche Umsatzvolumen des von BRAIN adressierbaren Markts für Aurase®-basierte Produkte wird von Experten allein für Europa auf über 100 Mio. Euro geschätzt. Daran wollen wir partizipieren.

Bela Kelety
© Anja Jahn

Dr. Bela Kelety

Dr. Bela Kelety studierte Chemie an der Technischen Universität Darmstadt und promovierte anschließend am Max-Planck-Institut für Biophysik in Frankfurt am Main. 2010 stieß Kelety zur BRAIN AG, aktuell ist er dort Unit Head New Business Development.

Alexander Pelzer
© Luise Böttcher, BRAIN AG

Dr. Alexander Pelzer

Dr. Alexander Pelzer studierte Biologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und promovierte am Institut für Molekulare Enzymtechnik im Forschungszentrum Jülich. Seit 2014 ist Pelzer bei der BRAIN AG tätig, aktuell als Project Manager und Platform Coordinator Tailor-made Biocatalysts.

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